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Wird in Trauerreden nur gelogen?


Eine blonde Frau in schwarzer Kleidung steht auf einem Friedhof und spricht, sie hebt gestikulierend die Hand.

Neulich hat mich wirklich jemand gefragt, ob nicht in Trauerreden nur gelogen wird. Beerdigungen und Trauerfeiern seien doch eine Aneinanderreihung von Lügen.

Das ist eine interessante Frage, ich möchte meine Gedanken dazu gern mit euch teilen.

In meinem Philosophiestudium habe ich mich auch mit Wahrheitstheorien befasst, es juckt mich immer richtig in den Fingern, zurückzufragen: "Was ist denn Wahrheit?" Im Alltagsleben benutzen wir den Begriff Wahrheit ja ganz einfach in dem Sinne: Wahr ist, was der Fall ist. Neben mit steht in dem Moment, in dem ich das hier schreibe, eine Tasse Kaffee, das ist der Fall, es ist wahr. Nun reden wir in Trauereden ja nicht ausschließlich von Fakten, das wäre eine langweilige Rede, wenn nur Lebensstationen aneinandergereiht werden, obwohl ich zugeben muss, dass ich so etwas auch schon gehört habe. Ich rede lieber von den Gefühlen, den Beziehungen und dem, was einen Menschen im Zusammenleben mit seiner Familie, seinen Kollegen und Freunden ausgemacht hat. Von der Persönlichkeit des Verstorbenen und von dem, was er in seinem Leben bewirkt hat. Und da kommen oft viele verschiedene Perspektiven zusammen. Das ist gut so, denn das macht nicht nur die Rede interessant, sondern stellt den menschen auch differenzierter dar. Menschen sind eben nicht eindimensional, sondern widersprüchlich, schillernd und vereinen viele, auch gegensätzliche Eigenschaften in sich. Wenn das zur Sprache kommen darf, ist das ein besonderes Geschenk für mich. Wenn ich die verschiedenen Facetten und Seiten einer Persönlichkeit beleuchten darf, bin ich besonders in meinem Element. Dabei stellt sich die Frage nach der Wahrheit tatsächlich nicht, es geht eher um die verschiedenen Wahrnehmungen.

Eine Kundin hat sich neulich gewundert, wie ich das hinbekommen habe, dass ich aus dem "Wirr-Warr", wie sie es nannte, so deutlich ihren Mann erkennen und schildern konnte. Das Gespräch mit ihr, ihren Töchtern und noch anderen Verwandten ist lebhaft und angeregt gewesen. Ich hatte ein deutliches Bild von dem Verstorbenen, auch wenn alle sehr verschiedenen Dinge erzählt haben, konnte ich einen Kern erkennen.

Ihr kennt das vielleicht: Ihr habt mit jemandem zusammen etwas erlebt, eine Begegnung gehabt oder habt eine Diskussion oder vielleicht sogar ein Streitgespräch geführt. Wenn die beiden Gesprächspartner hinterher anderen, unbeteiligten Menschen davon erzählen, dann kommen da ganz verschiedene Versionen heraus. Jeder interpretiert Aussagen anders oder deutet Verhalten von Menschen anders. Das hat mit dem persönlichen Erfahrungshintergrund zu tun, mit Gefühlen und mit der Beziehung zu der betreffenden Person.

Ebenso ist das auch bei den Trauergesprächen. Geschwister haben ihre Eltern unterschiedlich wahrgenommen und der Hinterbliebene Partner hat natürlich noch einmal eine andere Perspektive als die Kinder. Ja, und dabei wird manchmal "geglättet". Das hat etwas damit zu tun, dass in einer Trauerrede nicht jedes schmerzliche Detail breitgetreten werden muss, denn diese Rede soll Trost spenden und nicht in den Wunden der Hinterbliebenen herumstochern. Sie soll den Hinterbliebenen würdigen und ihn auf keinen Fall beschmutzen.

Hinzu kommt ein allgemeines psychologisches Phänomen, das uns in der Rückschau die Ereignisse leicht idealisieren lässt. Deshalb denken wir manchmal: Früher war alles besser. Auch wenn das nicht so ist - die Wucht und die Endgültigkeit des Todes machen uns doch klar, dass Vieles, worüber wir uns aufgeregt haben, eigentlich bedeutungslos war. Der Tod rückt etliche Dinge in ein anderes Licht, er zeigt uns, was wirklich wichtig ist. Insofern ist meine Antwort klar: Gelogen im eigentlichen Sinne wird in der Regel bei Trauerreden nicht, neue und unterschiedliche Sichtweisen auf einen geliebten Menschen kommen zutage, die Weisheit, die nur der Tod uns lehrt - und das ist gut so.



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