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  • Karen Isensee

In diesem Moment wusste ich, dass ich eine Kriegsenkelin bin


alter Teddy


Wenn man versucht, sich selbst besser kennenzulernen und die eigene Geschichte und die eigenen Verhaltensweisen besser zu verstehen, kommt man in meiner Generation vermutlich zwangsläufig auch auf das Thema "Kriegsenkel". Dass ich einen so persönlichen Blogartikel dazu schreiben würde, hätte ich nie gedacht. Inspiriert hat mich Iris Wangermann und ihre Blogparade "Kriegsenkel Moment", die sie auf ihrer Seite peace-with-your-past.de ausgerufen hat.

Als Kind fand ich, dass alle Erwachsenen komisch sind. Ich kannte im Wesentlichen meine Verwandtschaft - alles kriegstraumatisierte Menschen. Auch als wir auf ein kleines Dorf umzogen, lernte ich Menschen kennen, die spätestens nach einer Viertelstunde nur noch über ihre Kriegserfahrungen in Russland sprachen. Jedes Gespräch landete irgendwann bei diesem Thema.

Es war eine Erleichterung und ein großes Staunen, als ich in die Schule kam und plötzlich Erwachsene traf, die über völlig andere Themen sprachen und offenbar völlig normal waren.

In meiner Familie war der Krieg immer ein Thema. Kein Wunder. Als ich Kind war, war der Krieg rund 30 Jahre her, ungefähr so lange wie die Wende heute und darüber sprechen wir auch immer noch viel. Ich wusste viel über die Flucht meiner Eltern und auch über ihr Leben vor der Flucht. Meine Eltern waren Kinder, als sie ihre Heimat verlassen mussten. Aber ich wusste nicht, was es wirklich mit ihnen gemacht hatte, besonders mit meiner Mutter und ich wusste nicht, wie tief mich das geprägt hat.

Eine mehrteilige Fernsehsendung öffnete mir die Augen: "Unsere Mütter- unsere Väter" hieß sie. Mir wurde klar, welchen gigantischen Rucksack an traumatischen Erfahrungen meine Eltern mit sich herumtrugen. Und mir wurde klar, dass auch ich einen Teil dieses Rucksackes geerbt hatte.

Meine Mutter hat mich behütet wie ihren Augapfel. Ich durfte keinen Schritt alleine machen, als wäre jede Sekunde mein Leben bedroht.

Das hat aus mir ein überängstliches Kind gemacht, dass sich nichts getraut hat und das sich lieber von anderen Kindern ferngehalten hat. Ich durfte als Schulkind nicht mal allein zur Bushaltestelle gehen. Alle haben mich dafür ausgelacht. Die Liebe meiner Mutter war auch immer wie eine Fessel. Sie konnte es nicht ertragen, dass ich erwachsen wurde und wollte nicht, dass ich meine Flügel ausbreite.

Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich verstanden hatte, dass sie ihre Todesangst, die sie im Krieg erlebt hat, auf mich übertragen hat. Ihre Mutter, meine Großmutter, war mehrere Tage lang von den Russen verschleppt worden. Die 4 Kinder waren in der Zeit auf sich allein gestellt. Meine Mutter war 11. Sie wussten nicht, ob sie ihre Mutter jemals wiedersehen würden. Ihr Vater war im Krieg. Als meine Großmutter wiederkam, war sie zerschunden und halb tot, ein anderer Mensch. Mit ihren 4 Kindern ist sie auf die Flucht gegangen. Die quälende Angst, der Hunger und auch die Erniedrigungen hinterher, als sie bei einem Bauern zwangseinquartiert waren, davon hat meine Mutter ein Leben lang gesprochen. Dass sie auf der Straße beschimpft und angespuckt worden sind, hat sie immer wieder erzählt. Je älter sie wurde, um so häufiger hat sie davon gesprochen, eigentlich immer die gleichen Geschichten. Ich hab gespürt, dass sie eigentlich Hilfe brauchte, aber sie gehörte zu der Generation, in der es eben völlig verpönt war, zum Psychologen zu gehen. Meine Mutter war immer irgendwie in sich gefangen, So richtig fröhlich und ausgelassen habe ich sie selten gesehen. Habe ich sie jemals richtig herzhaft lachen gehört? Leider ist sie relativ früh gestorben. Ich hätte ihr gewünscht, dass sie den Rucksack abstreifen kann. Er hat schwer auf ihren Schultern gelastet und sie ein Leben lang gedrückt.

Allein zu verstehen, warum viele Dinge in meiner Kindheit so waren, wie sie waren, hat mir schon viel geholfen. Wir alle sind mehr, als nur unsere eigene Geschichte.

Ich kann viel liebevoller auf meine Mutter blicken, seit ich weiß, warum sie sich so verhalten hat. Leider kann ich ihr das nicht mehr sagen. Viel zu spät ist mir klargeworden, dass es nicht nur wichtig ist, zu fragen, was passiert ist, sondern auch zu forschen und zu reflektieren, was es mit uns allen gemacht hat. Ich sehe allerdings heute an meinen Kindern, wie schwierig es ist, das in dieser Dimension zu vermitteln. Ich wünsche ihnen, dass sie nicht nur nach vorn blicken, sondern auch zurück in die Vergangenheit, aber ohne Zorn, sondern mit der Neugierde des Verstehenwollens.

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